Re:Public Domain – Walk, Night, Matinee & Show

70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers werden dessen Werke gemeinfrei. Öffentliches geistiges Eigentum gehört dann dem Bürger und überhaupt jedem Einzelnen. Dazu gehören u.a. sämtliche Malereien von Paul Klee, Fritz Baumann, El Lissitzky, August Deusser und Grant Wood, alle Bücher und Texte von James Joyce, Stefan Zweig, Robert Musil und Sophie Hämmerli-Marti.

Dock18 Institut für Medienkulturen der Welt beschäftigt sich seit 4 Jahren mit der radikalen Aneignung der Vergangenheit durch Neuinterpratation. Zusammen mit Künstlerinnen und zeitgenössischen Autorinnen versuchen wir neue Zugänge zum geistigen öffentlichem Eigentum unserer Welt von gestern zu entdecken.

Im Herbst 2013 veranstaltet Dock18 mit Partnerinnen wie Wikimedia Schweiz und Migros Kulturprozent vier Veranstaltungen unter dem Titel Re:Public Domain in der ganzen Schweiz. 16 Urheber sind eingeladen ihre Bearbeitungen von Public Domain Materialien vorzustellen. Die einzelnen Veranstaltungen werden dabei jeweils unterschiedlich ausgeführt. Während uns in der Roten Fabrik eine ganze Nacht erwartet, gibt es im Forum Schlossplatz Aarau eine Matinee mit Brunch, vom Kulturbüro Genf ausgehend eine Wanderung in die Wälder des Monte Saleve (wo Robert Musils Asche von seiner Frau 1942 verstreut wurde) und den Abschluss bildet eine Show im Grand Palais Bern, wo auch der diesjährige Swiss Re:Public Domain Remix Preis vergeben wird. Kuratiert werden alle Veranstaltungen von Mario Purkathofer und Daniel Boos.

Daten der vier Veranstaltungen:
19.9.2013 Walk Kulturbüro Genf (Workshop der OKCon)
27.9.2013 Night Rote Fabrik Zürich
20.10.2013 Matinee Forum Schlossplatz Aarau
23.11.2013 Show Grand Palais Bern

Details zu den Veranstaltungen, Künstlern und gemeinfreien Werken gibt es auf der Webseite republicdomain

Die Veranstaltung wird auch von der Digitalen Allmend unterstützt.

Zenit des Fernsehens

Unermüdlich pflügt sich die Lesegruppe der Digitalen Allmend durch die bundesrepublikanische Mediengeschichte. Im neuesten Kapitel geht es um Aufstieg und Niedergang des Leitmediums Fernsehen.

Die 60er und 70er Jahre sieht Werner Faulstich im Zeichen des Fernsehens und einer medialen Alternativkultur. 1963 beginnt das ZDF als zweiter nationaler Kanal zu senden. Die Sendedauer expandiert und nähert sich einem Vollprogramm. Die Durchdringung mit TV-Geräten ist nun hoch. Vor allem wird das Fernsehen zu einer wichtigen Bühne gesellschaftlicher Meinungsbildung. Der Autor fasst das mit dem Begriff des Leitmediums im Sinne einer „Meinungsführerschaft in einer grösseren schichten- oder milieuübergreifenden Öffentlichkeit“. Er meint damit nicht einfach politische Themen sondern umfassender: Kultivierung, Agenda-Setting, Meinungsbildung. Das Leitmedium verändert das Leben vieler Menschen und strukturiert es neu (1).

In der Diskussion wird die generelle kulturelle Leitfunktion kaum angezweifelt. Bei der gesellschaftspolitischen Meinungsbildung dürften aber Zeitungen und Zeitschriften gerade bei den zwanzig Prozent am meisten Interessierten das Leitmedium geblieben sein. Und das Radio dürfte hier auch eine Rolle gespielt haben.

Auf Ebene des gesellschaftlichen Mainstreams erscheint die These des Leitmediums jedoch plausibel. Der Autor zeigt nun auf, dass das kein Zustand für die Ewigkeit war. Einerseits hat sich das Fernsehen selbst ausdifferenziert. Mit einem breit angelegten Mix vom anspruchsvollen Magazin wie „Monitor“ bis zu unterschiedlichsten Unterhaltungsformaten entwickelt es sich zum konturlosen Gemischtwarenladen. Hinzu kamen immer mehr private und ausländische Sender.

Andererseits schuf die Bindung an den biederen Mainstream die Voraussetzung für eine Absetzbewegung der Jugend. Die Jugendkultur der 60er und 70er Jahre wurde „von ganz anderen Medien getragen“ – Radio, Schallplatten und Tonband. Unter dem Stichwort alternative Medienszene geht Faulstich allerdings kaum auf die riesige Vielfalt kleiner Printmedien. Bei den Tonträgern zeigt er eindrücklich, wie die alternative musikalische Jugendkultur weitgehend vorerst am Tropf von ein paar nicht eben alternativ wirkenden Konzernen hing. Erst im Lauf der Zeit gewannen unabhängigere Trägermedien und Labels an Gewicht.

Der Aufstieg des Fernsehens setzte andere Medien unter Druck. Beim Buch konstatiert der Autor einen „Niedergang“, der noch von der wachsenden Zahl an Neuerscheinungen überdeckt wurde. In den 70er Jahren deutet sich „ein allmählicher Niedergang des Mediums Zeitung als öffentlichkeitskonstitutives Forum an“. In der Diskussion wurde die Frage erörtert, wie weit auf dem Feld der öffentlichen Debatte das Fernsehen eine produktive Rolle spielen kann. Es kann durchaus eine Verbindung hergestellt werden zwischen dem vergleichsweise qualitativ hochstehenden öffentlichen Fernsehen im Deutschland der letzten Jahrzehnte und dem im europäischen Vergleich überdurchschnittlichen Funktionsfähigkeit von Staat und Wirtschaft.

Faulstich sieht die Medienlandschaft im Trend einer massiven Kommerzialisierung. Die Konzentration im Zeitungswesen, die Bestseller-Kultur beim Buch und werbefinanziertes Fernsehen werden als Indizien herangezogen. Das müsste genauer angesehen werden. Möglicherweise gibt es eine seit Jahrzehnten zunehmende Bereitschaft des Mainstreams, Medienleistungen durch Werbeberieselung statt durch Kauf oder Gebühren abzugelten. Und eine Abnahme ideeller Motive zur Medienproduktion.

Anderseits waren seit je her private Medienunternehmen aus kommerziellen Motiven aktiv. Der Autor relativiert das insofern, als er auf den Hugenberg-Konzern der zwanziger Jahre verweist, der primär um eine politische Achse herum entwickelt wurde und letztendlich auch erfolgreich den Nationalsozialisten den Weg bereiten half. Faulstich sieht die modernen Grosskonzerne wie Springer primär von unternehmerischen Interessen getrieben, auch wenn sie sich jahrelang an vorderster Front in die gesellschaftspolitische Konfrontation einmischen, wie das die Springer-Presse gegen die Studentenbewegung gemacht hat.

1) Werner Faulstich. Die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts. Fink 2012.

 

Medien im Nachkriegs-Vakuum

Die Lesegruppe der Digitalen Allmend hat sich mit der Medienlandschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft befasst. Nun geht es um die Entwicklungen der Nachkriegszeit. Werner Faulstich interpretiert sie im Kontext eines „allgemeinen Wertevakuums“ (1).

Der Autor skizziert zwei Linien, um die herum dieses Vakuum gefüllt wurde. Konsum und Bewältigung. In den Trümmern der unmittelbaren Nachkriegszeit wuchsen die Fundamente der bundesrepublikanischen Konsumgesellschaft. Plakate und Anzeigen transportierten mit vorerst wenig innovativen medialen Mittel die Werbebotschaften für Konsumgüter. Faulstich spricht von einer „Kompensation durch Konsum“, welche die Orientierungskrise milderte und Material für eine neue Alltagskultur lieferte. Über die Konsumgüter hinaus nimmt Faulstich darum auch den Aufschwung von Comics und Groschenromanen in den Blick.

Offen lässt er, Comics in Deutschland auch einen nennenswerten erwachsenen Leserkreis fanden, wie in Frankreich. Zweifellos waren aber Arztromane, Landserhefte oder Jerry Cotton Geschichten sehr beliebt.

Zusammen mit dem Aufschwung von Presse und Taschenbüchern konstatieren wir für die fünfziger Jahre eine ausgeprägte Lesekultur, auch für längere Texte. Zusammen mit dem weiterhin bedeutenden Radio und der Ausbreitung des Fernsehens schliessen wir in der Diskussion auf einen quantitativ erhebliche Ausdehnung des Medienkonsums, der möglicherweise mit der Reduktion der Arbeitszeit zusammenhängt. Es stellt sich auch die Frage, wie weit eine Aufwertung des Bildungsgedankens den Konsum beeinflusste. Das Buch geht auf die Medienrezeption wenig ein.

Den Aspekt der Vergangenheitsbewältigung dokumentiert Faulstich anhand der Fotografie. Hier wurden etwa Kriegsserien, Trümmerfotos und auch Szenen aus Konzentrationslagern dokumentiert. Teilweise zwangen die Alliierten Ladenbesitzer dazu, derartige Darstellungen im Schaufenster auszustellen, um die Bevölkerung mit den Gräueln des Nationalsozialismus zu konzentrieren.

Hinter ein Verbinden einer kulturellen Strategie wie der Bewältigung mit einzelnen Medien hat die Diskussion ein Fragezeichen gesetzt. Sicher dienten Groschenhefte eher einfach der Unterhaltung. Gerade die Landserhefte tragen aber auch ein Element der (selektiven) Bewältigung. Die Fotografie entzieht sich aber Zuordnung, da gab es ja auch die grosse Bandbreite gedruckter Fotografien und den ganzen Bereich der privaten Alltagsfotografie.

Drastisch sichtbar wird in der NS-Zeit wie in den Nachkriegsjahren, wie die politischen und gesellschaftlich Randbedingungen die konkrete Medienlandschaft modellieren. Betroffen sind weniger die längerfristigen Entwicklungstrends der Medientechnologie, wohl aber die konkreten Medien, ihre Gestalt und Ausrichtung. Die Alliierten legten für Zeitungen und Rundfunk klare Bedingungen fest. Unter anderem bestanden sie auf einer starken Dezentralisierung der elektronischen Medien, die einem Hang zu zentralistisch-autoritärer Politik entgegenwirken sollten. Die Folgen zeigen sich bis heute auf jedem zentraleuropäischen TV: In Form der ARD und den starken Länderanstalten.

1) Werner Faulstich. Die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts. Fink 2012. Zitat S. 195