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Kultur als Code
Die Lesegruppe der Digitalen Allmend setzt ihren Bummel durch die Medientheorien des 20. Jahrhunderts fort und beschäftigt sich mit Vilém Flusser (1920-1991). Dieser hinterlässt ein vielgestaltiges Werk, das eher untergründig wirksam wurde.
Flusser positioniert sich in einem kulturellen Megatrend nach dem 2. Weltkrieg. Diese Strömung rückt technische und formale Aspekte von Kommunikation und Kultur ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Auf dieses Feld gehören Kybernetik, Semiotik und Strukturalismus.
Zu den methodischen Fundamenten gehört die Übertragung technischer Kommunikationskonzepte auf das gesellschaftliche Leben. Eine zentrale Bedeutung nimmt dabei der Code ein. Im Code überlappen sich die Welt des Sinns und die Welt der Übertragung. Statt kodifizierte Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext zu analysieren, wird von den Kommunikationstheoretikern die Gesellschaft vom Code her interpretiert.
Das lässt sich durchaus auch von Flusser sagen. Er fasst Kultur als Code. In seiner Skizze von Flussers Denken arbeitet Dieter Mersch (1) drei Schwerpunkte heraus.
In einer Kommunikologie scheidet Flusser den kulturellen Code in zwei Momente. Im Diskurs fasst er das dauerhafte strukturelle Netz der Codes, die Infrastruktur der Kommunikation. Als dynamisches und kreatives Moment sieht er den Dialog. Einmal mehr scheint hier die seit Platon diskutierte Spannung zwischen Schrift und Rede auf. Flusser sieht den Code als zweite Wirklichkeit, die für den Menschen zur ersten Wirklichkeit wird. Flusser fasst allerdings den Begriff des Codes weiter als Schrift. Der Code bestimmt die Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen und zu handeln: Er ist Sinn und Kerker gleichzeitig.
Mit seiner These des Informationszeitalters etabliert Flusser eine Geschichtsphilosophie. Es folgen aufeinander die Perioden von Bild, Schrift und Technobild. Bilder sind statisch und flächig. Die Schriftkultur wird mit Erzählung, Drama und Kausalität in Verbindung gebracht und von Flusser durchaus negativ für die Herausbildung der westlichen linear denkenden Kultur in Verbindung gebracht.
Mit dem Konzept der Komputationen verweist Flusser auf das Potential von TV und Computern, frei gestaltbare Techno-Bilder zu generieren. Das Denken sei da nicht mehr buchstäblich, sondern numerisch. Das lineare Lesen würde abgelöst durch ein Verfolgen von Verweisen. Ganz allgemein erwartet Flusser, dass aus Modellen erzeugte visuelle Konstrukte eine neuartige und wichtige Rolle spielen würden.
Die Beschäftigung mit Flusser hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen entfaltet er produktive Momente eines codebasierten Ansatzes, wirft kreative Gedanken in die Diskussion und bringt relevante Fragestellung auf. Aber sein Diskurs bleibt inkonsistent, erratisch und faktenfern, sodass er gar nicht verifizierbar oder widerlegbar ist. Das ist die Freiheit der (Medien)Philosophen: in der Transitzone zur religionsförmigen Weltanschauung stehen keine Schranken.
1) Dieter Mersch. Medientheorien zur Einführung. Junius. Hamburg 2006.
Die ACTA-Debatte
Es gab eine Zeit, als nur Wenige von ACTA hörten, aber nichts Genaueres wussten. Der kanadische Rechtswissenschaftler Michael Geist gehörte zu den ersten Sachkundigen, der bis dahin geheim gehaltene Details aus den Verhandlungen erfuhr und „leakte“ – und diese Veröffentlichungen zogen rasch Kreise in der internationalen Zivilgesellschaft. In der Schweiz gehörte die Digitale Allmend neben der Swiss Internet User Group (SIUG), der Digitalen Gesellschaft und der Piratenpartei zu den ersten, welche die noch spärlichen Informationen verbreiteten und auch beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum (IGE), zuständig für die Schweiz, nachfragten.
Initiiert wurde das Abkommen im Jahr 2008 von den USA und Japan. In insgesamt elf Verhandlungsrunden einigten sich die verhandelnden Länder (neben den beiden Initianten die EU und ihre Mitgliedsstaaten, Mexiko, Singapur, Südkorea, Marokko, Neuseeland, Australien, Kanada und die Schweiz) auf den Vertragstext.
Seit einigen Monaten ist das internationale Handelsabkommen Anti-Counterfeiting Trade Agreement unter dem Kürzel ACTA zum Politikum geworden, noch bevor sich die handverlesenen Vertragsparteien im Oktober 2011 in Japan zur Erstunterzeichnung trafen. Und je mehr Details aus dem Vertragstext bekannt wurden, desto schneller wuchs der Widerstand; die Ausführungsbestimmungen zum umstrittenen Text werden noch immer geheim gehalten und geben Anlass zu Spekulationen. Auch in der Schweiz haben am 11. Februar hunderte Menschen in Zürich, Basel und Genf gegen das Abkommen demonstriert.
Die Kritik an diesem Vertragswerk, das in den nächsten Monaten noch manche parlamentarische Ratifizierungshürden nehmen muss, ist inzwischen so vielfältig, dass sie sich in einem kurzen Blog-Beitrag kaum zusammenfassen lässt. Jedenfalls, so argwöhnen die Kritiker, werden mit ACTA die wirtschaftlichen Interessen von Rechteinhabern und Verwertern, Markeninhabern und Grosskonzernen über das öffentliche Interesse am freien Zugang zu Informationen gestellt. Ausserdem, so ist zu befürchten, lassen die geplanten ACTA-Sanktionen jegliche Verhältnismässigkeit vermissen. Daher verweisen wir nachstehend auf einige wesentliche Links zum Thema:
- Kommentare von DA-Vorstandsmitglied Hartwig Thomas
- Heise Online – Themenseite ACTA
- Diverse Beiträge auf Netzpolitik.org
- Piratenpartei Schweiz
- Digitale Gesellschaft Schweiz
- Menschenrechte Schweiz
- Stellungnahme Institut für Geistiges Eigentum (IGE)
- Open Rights Group
- Michael Geist-Blog
- Ulrich Klotz: Das „geistige Eigentum“ ad-ACTA