Partizipationsformen im Web 2.0

Das Buch von Roberto Simanowski (1) untersucht gegenwärtige Phänomene der digitalen Medien –Weblogs, Werbung, Identitätstourismus, interaktive Kunst – vor dem Hintergrund einer postmodernen Spass- und Erlebnisgesellschaft. Eine Fülle von Beispielen macht es zum Fundus für verschiedene Auseinandersetzungen; kulturelle, künstlerische und utopische Aspekte werden ebenso aufgenommen wie historische Kontexte. Der Autor behält dabei eine ausgewogene, kritische wie positive Offenheit gegenüber den einzelnen Phänomenen.

Das dritte Kapitel «Kultur der Mitgestaltung», das die Gruppe besprochen hat, handelt zu Beginn ausführlich von Blogs: solche, die das Private öffentlich machen, Watchblogs als praktizierte Medienkritik oder Orte der politischen Auseinandersetzung, literarische Tummelfelder. Der Autor konfrontiert dabei die hoffnungsvolle Vorstellung von den basisdemokratischen Chancen des Web 2.0 mit der kulturpessimistischen Position – harsch vertreten aktuell etwa durch Andrew Keen (2) –, es handle sich dabei doch wohl eher um ein «Überhandnehmen des Banalen» und eine «Herrschaft des Mittelmässigen. Dass sich für beides ungezählte Belege auf dem Netz finden lassen, ist in der Gruppe unbestritten; auch wird darauf verwiesen, dass Blogs über unterschiedlichste Formen, Qualitäten und Dynamiken verfügen, in den verschiedenen Dimensionen sehr ausdifferenziert und daher kaum auf einen Nenner zu bringen sind. Die Diskussion beschäftigt sich dann mit der Frage, ob Blogs so etwas wie ein digitaler Ersatz für den früheren Dorfplatz oder -laden sind; da klingt das «Global Village» von Marshall McLuhan aus den 60-er Jahren nochmals mit an. Während die Dorfgemeinschaft sich aber lokal formiert und über Bewegungsradien natürliche Zwängen unterworfen ist, gruppieren sich Blogs eher um thematische Schwerpunkte und scheinen dadurch erst einmal grössere Beweglichkeiten und Wahlfreiheiten zuzulassen.

Simanowski führt weiter aus, dass bestimmte Phänomene des Web 2.0, etwa politische Blogs oder Wikipedia, angemessener als eine Kultur von Autodidakten als eine von Amateuren zu beschreiben seien – gerade das Wort Amateur transportiert ja auch eine Abwertung im Vergleich zur professionellen Expertenwelt. Die Gruppe nickt und ergänzt, dass es allerdings bis vor nicht allzu langer Zeit auch keine «klassische» Journalistenausbildung gab, sondern sich grosse Anteile der Professionalität dieses Berufsstandes durch «learning on the job» entwickelt haben. Andere Formen dagegen wie z.B. You tube, so Simanowski weiter, werden dagegen als ausschliesslicher Ort von Amateuren gehandelt. Es gehe um einen Wettbewerb, wer am professionellsten wirke, mit dem Grundverständnis und einer Art internem Ehrenkodex, dass kein Profi an diesem Wettstreit teilnehme.

Die abschliessende, beschreibende Darstellung des Bereichs der Computerspiele (Adventure Games, Strategie- oder Rollenspiele) mit verschiedensten Formen der Interaktion (vom Mitspielen bis zum Hack) verhindert zwar eine kontroverse Diskussion in der Gruppe, liest sich aber flüssig und anschaulich, auch wenn man selber nicht spielt. Der Autor verfolgt dabei die Frage nach der Erweiterung des Spielraums für das Publikums, die verschiedenen Formen der Partizipation, durchaus auch mit Anschluss an die alte Vorstellung von der Verwandlung des Zuschauers in den Stückeschreiber. Die Motivation, den Fortgang der Geschichte selber zu prägen, ist dann gleichfalls ein Aspekt der Fan-Fiction zu Spielen, Filmserien oder Büchern, ebenso wie gegebenenfalls sogar eine Korrektur, wenn etwa bei Star Track das weibliche Publikum mit der stereotypischen Darstellung der schwachen und inkompetenten weiblichen Charaktere nicht zufrieden war.

Simanowski bleibt bis zum Schluss neutral: Ob es sich dabei nämlich eher um subversive Äusserungen oder eine Bestätigung der Kulturindustrie handelt, bleibe nicht nur im einzelnen abzuwägen. Angesichts der friedlichen Koexistenz und Kooperation vertritt er die These, es herrsche eine Art kultureller Sozialfrieden zwischen Avantgarde und Kulturindustrie. Diese Betrachtungsweise scheint nun ja der postmodernen Erlebnisgesellschaft recht gut zu entsprechen.

1) Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur – Kunst – Utopien. Roberto Simanowski, Reinbek 2008. – Besprochen in der Lesegruppe Wissensgesellschaft der Digitalen Allmend.

2) The cult of the amateur: how today’s internet is killing our culture and assaulting our economy. Andrew Keen, London 2007

Open Source Diskurse im Wandel

Mit den Diskursen der Open Source Bewegung und deren Widersprüchen beschäftigt sich Andrea Hemetsberger im Open Source Jahrbuch 2008 (1). Sie konstatiert ein Spannungsfeld zwischen traditionellem und universalistischem Diskurs.

Hemetsberger skizziert die Free / Open Source Gemeinschaft als soziale Bewegung, die sich nicht um eine antikapitalistische Strategie dreht. Vielmehr hat sie durch „kollektives Handeln” Möglichkeiten für „radikal alternative Formen” der Zusammenarbeit und der Produktion wertvoller öffentlicher Güter hervorgebracht. Die Autorin weist darauf hin, dass die Produktion von Gütern auf dem Internet einer speziellen Logik folgt. Relevant ist nur, was auf dem Netz sichtbar ist – konventionelle Machtstrukturen treten zurück. Das wurde in der Diskussion kritisch hinterfragt. Wohl entfallen Kontrollelemente, die etwa beim Auftauchen in einer Szenenbar greifen. Andererseits ist auch etwa das Eintauchen in eine Software-Entwickler Szene von Ausschliessungsmechanismen begleitet.

Die Diskussion in der Lesegruppe ‚Wissensgesellschaft’ der Digitalen Allmend hat sich auch darum gedreht, was denn eine soziale Bewegung in diesem Fall ausmacht. So wurde auf die 80er und 90er Jahre zurückgeblendet und gefragt, ob die bastelnden Computer Hobbyisten der 8oer Jahr auch zu dieser Bewegung zählten. Weiter wurde auch darauf hingewiesen, dass andere Wurzeln in die Universitäten zurückreichen, was ein professionelles und nicht ein zivilgesellschaftliches Umfeld darstellt. In der Diskussion wird bedauert, dass Hemetsberger etwas allgemein bleibt. Ein genauerer Blick auf die Szene der Pionierzeiten wäre sicher spannend.

Die Autorin geht auf die Frage ein, welche Rolle kulturelle Codes im Diskurs von sozialen Bewegungen spielen. Mit Verweis auf eine leider nicht weiter dokumentierte Untersuchung von Material aus slashdot.org identifiziert Andrea Hemetsberger zwei unterschiedliche Diskurse – auf traditionellen und universalistischen Codes basierenden. Traditionelle Codes beziehen sich auf antikapitalistische, Gut und Bös scheidende Elemente, die der Identität und Stabilität der Bewegung dienen. Universalistische Codes sind offen und zielen auf produktiven sozialen Wandel.

Die Unterscheidung wird in der Diskussion als relevant angesehen. Sie erinnert an den Fundi – Realo Dualismus in der Diskussion um die deutschen Grünen. Ob die Begrifflichkeit nun wirklich passend ist, bleibt fraglich. Die Position, die hier einfach als „traditionell” gefasst wird, kann durchaus unterschiedliche Haltungen umfassen: Eine gebetsmühlenartige Wiederholung ideologischer Phrasen ist nicht identisch mit einem Verfolgen strategischer Ziele. Solche Unterschiede verschwinden bei der vorliegenden Code-Analyse.

Die Autorin legt in der Folge dar, dass es durchaus gelingen könne, utopisch-humanistischen Diskurs mit praktischem Erfolg zu verbinden. Digitale Güter sind von der Art, dass Verschenken keinen Mangel beim Geber hervorruft, sondern die Beschenkten für die Erweiterung von Einfluss und Ansehen einspannt. Die Praktiken der Free / Open Source Bewegung nützen die Freiheit, das kapitalistische Denken umzudrehen und „gerade durch scheinbar altruistische Handlungen umso mehr Erfolg und sogar Profit zu machen” /129/. Ob das mit Befreiung von Marktlogik, entfremdeter Arbeit und fehlerhafter Software gleichgesetzt werden kann? Sobald Geld fliesst und Profit gemacht wird, ist doch wohl der Markt am Werk?

Die Codierungslogik der vorliegenden Analyse lässt andere Dimensionen der Bewegung etwas aus dem Blickfeld treten. In der Diskussion erscheint die Frage, welche Bedeutung das Handeln von kleineren Firmen und an Konzerne gebundenen Leuten in der Open Source Bewegung hat. Das sieht nach einer hybriden Konfiguration aus, die nicht einfach einer Logik zivilgesellschaftlicher Akteure folgt.

1) ANDREA HEMETSBERGER. Vom Revolutionär zum Unternehmer. Die F/OSS-Bewegung im Wandel.  In: Open Source Jahrbuch 2008.

Ökonomie der Ideen

John Perry Barlow hat 1993 einen bemerkenswert klarsichtigen Blick auf die Problematik des geistigen Eigentums in einer digitalisierten Welt geworfen (1). Er legt grosses Gewicht auf die Einschätzung, dass bisher vor allem das physische Substrat geschützt worden sei. Das sei nun nicht mehr möglich.

Bereits diese These hat in der Lesgruppe „Wissensgesellschaft“ lebhafte Diskussionen hervorgerufen. Es wurde betont, dass die Ablösung der Information von der materiellen Basis mit der Digitalisierung weit fortgeschritten ist – die Entwicklung erfolgte aber eher evolutionär. Auch das Radio in den zwanziger oder die Bandkassetten in den sechziger Jahren stellen Stufen dieser Ablösung dar.

Kritisch hinterfragt wurde vor allem die These, dass die materielle Basis geschützt worden sei. Die Möglichkeit, etwa populäre Romane im 19. Jahrhundert neu zu setzen und zu produzieren, zeigt bereits ein gewisses Potential, das Werk von der materiellen Basis abzulösen. Darum zielten Copyright Konzeptionen auf das Werk, nicht auf das materielle Buch. Barlows These, „the bottle was protected, not the wine“ geht etwas weit.

Sein grosses Bild des technologischen Wandels trifft in weiten Teilen zu. Barlow nimmt auf die Diskussionen um die Informationsgesellschaft Bezug. Er sieht als Trend, dass sich die Weltwirtschaft immer mehr auf Gütern beruhen wird, die „keine materielle Form“ annehmen. So wird eine feste Verbindung zwischen Produzent und fairer Entschädigung hinfällig. Damit ist Barlow bei der zentralen Frage angelangt, wie Entschädigung in einer Cyber-Ökonomie aussehen könnte.

Barlow postuliert, dass freiwillige Zahlungen im Rahmen einer ethischen Haltung das zerfallende juristisch basierte System ablösen könnte. Zeitgenössisch diskutiert er anhand von Software die Bereitschaft vieler Menschen, ab einer gewissen Nutzungsintensität auch zu zahlen, wenn nur die Zahlungsmodalitäten unkompliziert wären.

Mit fünfzehn Jahren Distanz wirkt seine Lagebeurteilung erheblich frischer als seine Strategie. Es muss aber im Auge behalten werden, dass Barlow nicht ein politisches Strategiepapier verfassen wollte. Es ging vielmehr darum, im Kontext der weltweiten Freihandelsdebatten die Legitimität freier Zirkulation von Ideen und Kulturgüstern zu untermauern.

Dem mögen auch seine interessanten bis newAgeigen Bemerkungen zu Informtionen im Allgemeinen dienen. Spannend fanden wird die Betonung von Information als Beziehung. Sie verweist auf die Notwendigkeit Wissen und kulturelle Gegebenheiten immer wieder zu reproduzieren. Wie weit die Aussage „Information wants to be free“ zu mehr als zur griffigen Parole taugt, war Gegenstand lebhafter Diskussion: Ist Information ein handlungsfähiges Subjekt?

Urs

1) John Perry Barlow – The Economy of Ideas -Selling Wine Without Bottles on the Global Net
http://homes.eff.org/~barlow/EconomyOfIdeas.html

SFEM Tage Präsentation und Reports

Das Thema der SFEM-Tagung 2008 war open educational resources (OER). In diesem Zusammhang hat CC Schweiz einen Workshop zu Urheberrecht und Creative Commons durchgeführt.

Die Slideshow:

Weitere Reports gibt es in Form von Podcasts auf der Webseite von educationalmedia.

Mo 29.9.2008 – Wikipedia – gewusst wie

Am Montag 29.9.2008 – 18:00 findet eine von Wikimedia CH und die ZB Zürich organisierte Veranstaltung in der ZB Zürich statt.

Aus dem Veranstaltungsflyer:

Wikipedia–gewusst wie

Die Online-Enzyklopädie bewusst nutzen
Mit Magnus Wieland (Zentralbibliothek Zürich) und Nando Stöcklin (Wikimedia Schweiz, PH Bern)

Alle schauen in der Wikipedia nach: Bibliothekare Journalistinnen, Schüler… Es geht schnell und einfach, und man wird fast immer fündig. Aber wer hat dieses «etwas» geschrieben, wer steckt dahinter? Und wie vertrauenswürdig ist diese Information?

Die Frage nach der Qualität und Verlässlichkeit von Information ist nicht neu. Sie stellt sich beim ledergebundene Lexikon mit Goldrand im Lesesaal der Bibliothek ebenso wie bei den Abstimmungsunterlagen der Behörden im Briefkasten und dem wissenschaftlichen Artikel in der Fachzeitschrift. Für diese etablierten Medien gibt es eingeübte und bekannte Methoden, die Qualität zu beurteilen.

Wikipedia aber ist ein neues Informationsmedium, das auch nach neuen Beurteilungsmethoden verlangt. Die gibt es – man muss sie aber zu nutzen wissen.

Die Veranstaltung in der ZB stellt die Wikipedia in diesem Kontext vor und blickt hinter die Oberfläche der Lexikonartikel. Sie stellt die Online-Enzyklopädie nicht in Frage, aber zur Diskussion und zeigt Wege auf, Wikipedia-Infos richtig zu bewerten und einzuordnen: Wikipedia – gewusst wie.

Politische Ökonomie des Wissens

Wer den Begriff der politischen Ökonomie in den Titel setzt, weckt mit dieser Referenz an einen gewissen Karl Marx grosse Erwartungen. Die Lesegruppe Wissensgesellschaft hat am 22.9.08 das Buch von Julian Eckl zur Ökonomie der Wissensgesellschaft diskutiert (1).
 
Das Kapitel „konzeptuelle Grundlagen“ hat widersprüchliche Interpretationen herausgefordert. Die Runde war sich einig, dass Eckl die Gestaltbarkeit, die Undeterminiertheit gesellschaftlicher Regelungen postuliert. Aus technologischer Entwicklung kann keineswegs abgeleitet werden, dass etwa bestimmte Formen von geistigem Eigentum zwangsläufig notwendig sind. In diesem Sinn zitiert er eher zustimmend die Position von Bijkers. Der betont, dass die Stabilisierung von Artefakten, etwa von  Technikgestaltung, ein gesellschaftlicher Prozess ist, der über Entscheidungen, Interessen und Werturteile geformt wird. Auch zu einer Analyse von GATT-Verhandlungen über geistige Eigentumsrechte betont Eckl: „Der Ansatz, staatliche Interessen nicht als gegeben oder aus der Struktur des internationalen Systems ableitbar anzusehen“ habe sich „als äusserst fruchtbar“ erwiesen (Seite 38).

Kontrovers wurde nun folgende Hypothese diskutiert: Wenn Eckl Gestaltbarkeit behauptet, wird diese These von der Logik seiner Analyse unterlaufen. Der Autor skizziert ein übermächtige, struktural verfestigt Konfiguration von Staat und Markt, die über das Scharnier des Privateigentums miteinander verbunden sind. Nicht einmal nur lose verbunden – aus Gründen des Erkenntnisgewinns hebt seine Sichtweise von politischer Ökonomie „die normative Trennung zwischen Staat und Markt“ auf.

Während Marx der politischen Ökonomie des Kapitalismus mit dialektischem Zaubertrick die Hervorbringung des eigenen Totengräbers in Gestalt der Arbeiterklasse prognostiziert, bleibt das Verhältnis zwischen dem Staat-Markt-System einerseits und den Akteuren-Handlungsspielräumen andererseits bei Eckl ziemlich unbestimmt. Die Folge: In grossen schwarzen Linien gemalte Systemanalysen wirken nicht gerade ermutigend auf Leute und Bewegungen, die aktiv eingreifen möchten.

Dem wird in der Diskussion entgegen gehalten, dass es durchaus nötig und legitim ist, als Hintergrundbild eine derartige Grossanalyse zu skizzieren. Sie ist unverzichtbar, um in öffentlichen und intellektuellen Debatten Positionen zu markieren.

Einigermassen vage bleibt Eckls eigene Arbeitshypothese der Wissensgesellschaft. Das mag mit seiner Skepsis gegenüber dem Begriff zusammenhängen. Er bestimmt sie knapp mit einer Abgrenzung von Wissen von Glauben, wie sie die Aufklärung hervorgebracht haben soll. Aussen vor bleibt auch ein konzeptueller Rahmen, um die Realökonomie der Wissensgesellschaft grob zu analysieren. Hier gibt es ja auch milliardenschwere Segmente, deren Wertschöpfung nicht auf geistigen Eigentumsrechten basiert, etwa das Bildungswesen, die Werbeindustrie oder der Finanzsektor.

Nun geht es aber Eckl nicht um grossangelegte Konzeptarbeit. In den Hauptteilen des Buches beschäftigt sich der Autor mit den Auseinandersetzungen um Open Source und geistiges Eigentum. Sein Buch wird als relevant und interessant bewertet. Nachdem wir bisher Autoren aus dem 20.Jahrhundert wie Drucker und Castells angesehen haben, sind wird mit Eckl in der Gegenwart angekommen, wo wir uns weitere Texte vornehmen. Nächster Termin ist der 10. November.

(1) Eckl, Julian. Die politische Ökonomie der “Wissensgesellschaft”.Geistige Eigentumsrechte und die Frage des Zugangs zu Ideen. Marburg, Tectum Verlag, 2004.

Panorama der Netzwerkgesellschaft

Manuel Castells Begriff der Netzwerkgesellschaft bündelt vielfältige Erscheinungen. Er konstruiert eine Zentralperspektive in einem ausladenden Panoramagemälde. Dieses reicht vom technologischen zum medialen Wandel, vom Zusammenbruch der Sowjetunion zur Globalisierung, von den neuen sozialen Bewegungen zum organisierten Verbrechen.

In der Lesegruppe Wissensgesellschaft haben wir aber nicht zu den drei dicken Bänden Castells aus den neunziger Jahren gegriffen, sondern das Kapitel zu Castells informationeller Gesellschaft in einem Buch von Jochen Steinbicker besprochen (1).

In der Diskussion wird anhand etwa des Verweises auf die Vierte Welt positiv bewertet, dass Castells nicht eine Welt skizziert, die einem einfachen Trend folgt. Er skizziert eine widersprüchlich differenzierte und gleichzeitig in der Globalisierung kombinierte Entwicklung. Das gilt für grosse Teile des faktenreichen und pragmatisch analysierenden Werks „Das Informationszeitalter“.

In einem gewissen Gegensatz dazu steht das sehr abstrakt angesiedelte Konzept der Netzwerkgesellschaft, das zudem mit abgehoben Konzepten wie Raum der Ströme begleitet wird. Auch die postulierte Neukonzeption von Raum und Zeit versucht seinen Diskurs an philosophische und physikalische Grundkategorien zu binden, ohne dass das handfest vermittelt wird.

Faktennah diskutierbar ist Castells stark betonter Wandel der Unternehmenswelt. Die Ansätze zu Virtualisierung von Unternehmensteilen und die neuen logistischen Potentiale der Informationstechnologie können die Diskutierenden schon nachvollziehen. Castells sieht hier aber einen radikalen Umbruch, wo eher ein Wandel konstatiert werden kann. Neben erheblichen Veränderungen sieht etwa das Nebeneinander von Grosskonzernen, zahlreichen kleineren Betrieben und marginalen bis genialen Miniunternehmen dem Bild der sechziger Jahre noch erstaunlich ähnlich.

Nach der Beschäftigung mit Konzepten der Wissensgesellschaft orientiert sich die Lesegruppe in den nächsten Wochen auf einen neuen Themenschwerpunkt.

Urs

 

1) Jochen Steinbicker. Zur Theorie der Informationsgesellschaft : ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 

Wikipedia führt «gesichtete Artikel-Versionen» ein

Die deutschsprachige Wikipedia hat Qualitätskontrollen eingeführt und ermöglicht nun das Kennzeichnen von Artikel. Ein fachkundiger Prüfer kann eine Artikel-Version als «geprüft» markieren, wenn er der Meinung ist, dass der Artikel in dieser Version keine falschen Aussagen oder wesentliche Lücken enthält. Stimmberechtigte Nutzer können ohne grossen Aufwand das Recht beantragen, Artikel-Versionen mit dem Label «gesichtet» zu versehen, wenn diese keine offensichtlichen Falschangaben enthalten.

Ein neuer Nutzer sieht standardmässig die letzte geprüfte oder gesichtete Version eines Artikels.

Mehr dazu auf Google News.

Nach der Industriegesellschaft

Die Lesegruppe Wissensgesellschaft der Digitalen Allmend beschäftigt sich mit Positionen zur Wissens- und Informationsgesellschaft. Am Montag haben wir uns mit dem Soziologen Daniel Bell auseinander gesetzt. Angeregt durch das von Marx postulierte Schema treibt Bell den Übergang von agrarischen zu industriellen Produktivkräften einen Schritt weiter: zur nachindustriellen Gesellschaft.
 
Bell analysiert 1976 „The Coming of Post-Industrial Society” – so der Buchtitel. Diese nachindustrielle Gesellschaft ist geprägt durch den Dienstleistungssektor. Entsprechend löst eine heterogen Schicht von teilweise hoch qualifizierten Angestellten und Wissenschaftlerinnen die Industriearbeiterschaft als Hauptgruppe der Lohnabhängigen ab. Entsprechend diagnostiziert Bell einen Niedergang der Gewerkschaftsbewegung.

In der Diskussion wurde kritisch hinterfragt, ob das einfach so ein stiller Wandel ist oder auch ein Folge politischer Auseinandersetzungen, wie sie etwa Thatcher in England geführt hat. Zudem sehen wir schon eine Plausibilität für die These der nachindustriellen Gesellschaft etwa für die USA in den letzten Jahrzehnten. Aber die Industrie bleibt, wenn auch teilweise in neuen Weltregionen wie China. Zudem bleibt der Konsum anhaltend auf Autos, Elektronik und andere materielle Güter zentriert, auch wenn etwa das Gesundheitswesen grösser geworden ist.

Interessant haben wir die Modell- und Algorithmengläubigkeit Bells gefunden. Der Autor nimmt ganz im Geist der 50er und 60er Jahre an, dass über konkrete technische Projekte hinaus die gesellschaftlichen Probleme mit kodifiziertem Wissen abgebildet und in Modelle gefasst werden können. Bell konzipiert die Wissensgesellschaft um eine „intellektuelle Technologie“ herum, welche die Welt mit mathematischen Methoden begreift.

Nun könnte man annehmen, dass Bell als gesellschaftliches Gegenstück einen starken, zentralen Staat mit einer technokratischen Elite konzipieren würde – eine Vorstellung wie sie etwa in Frankreich weiterhin beliebt ist. Aber nichts da. Bell skizziert in verschwommenen Pinselstrichen eine dezentralisierte kommunale Gesellschaft, in der verschiedene Communities wirken. Durchaus mit Sympathie sieht er, wie etwa im Bildungswesen Schwarze oder Frauen (damals in den 70ern) mit dem Postulat der Chancengleichheit Ernst machen.

Wir haben es etwas schwierig, aber ziemlich anregend gefunden, uns mit Bells Gedankenwelt vertraut zu machen.

Urs

Wir diskutieren anhand von: Jochen Steinbicker. Zur Theorie der Informationsgesellschaft : ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. – Weiter geht es am 19. Mai mit Castells.

Wissen im Spaghetti

Wird Wissen zur neuen zentralen Produktivkraft moderner Gesellschaften? Peter Drucker postulierte vor Jahrzehnten ein entschiedenes „Ja“. Der Autor hat schon früh den Aufstieg einer neuen Schicht von Wissensarbeitern beobachtet und daraus eine verminderte Bedeutung von Kapital und Arbeit abgeleitet.

Die Lesegruppe Wissensgesellschaft der Digitalen Allmend hat sich anhand einer Übersichtsdarstellung am 31. März mit diesen Fragen beschäftigt (1). Dabei wird deutlich, dass Drucker verschiedene Aspekte der Modernisierung berechtigterweise ins Zentrum gerückt hat, die etwa von den 68ern kaum gewürdigt wurden. In der neomarxistischen Debatte dominierten Industriearbeiter und Produktionsanlagen das Bild.

Peter Drucker stellt Wissen und die neuen (männlichen) Wissensarbeiter als zentrale Triebkräfte der modernen Wirtschaft dar. Mit ihnen entstehen völlig neue Arbeitsverhältnisse. Wissensarbeiter sind hoch qualifiziert und schwer zu führen. Sie arbeiten in einer neuen, widersprüchlichen Situation. Einerseits stehen sie als Angestellte in der Tradition des traditionellen Facharbeiters, sind im Betrieb abhängig von Chef und Institution. Andererseits sind sie in einer aktiven, unternehmerischen Position, weil sie das wichtigste Produktionsmittel direkt kontrollieren: ihr Wissen.

In der Diskussion wird lebhaft besprochen, wie weit hier Drucker schon das Phänomen der IT-Twens vorhergesehen hat, die seit den achtziger Jahren mit Pizza und Cola im Büro die Nacht verbracht und eine neuen Subkultur von Arbeit ausgebildet haben. Etwas weniger direkt mit Drucker in Bezug gebracht werden können wohl die neuen Kreativen – Drucker hatte vor vierzig, fünfzig Jahren eher die Ingenieure und Manager im Blick.

Eine Stärke von Druckers Konzept der Wissensarbeit ist die klare Abgrenzung zu anderen Formen von Dienstleistungstätigkeiten, wo die Lohnarbeitenden eine deutlich weniger starke Position innehaben. Im Gespräch wird darauf hingewiesen, dass es auch innerhalb der Wissensarbeitenden grosse Unterschiede gibt. Nicht alle arbeiten in der chicen Lounge-Atmosphäre von Google, die durch sprudelnde Werbemillionen gespiesen wird.

Umstritten ist in der Diskussion geblieben, wie weit von einer massiven Modifikation des Kapitalismus durch den Aufstieg der Wissensgesellschaft gesprochen werden kann. Der Aufstieg neuer Schichten, eine Bedeutungsverlust von Arbeitern und Kapitalisten, die steigende Kontrolle des Kapitals durch die Pensionskassen werden von Drucker als Argumente vorgebracht.

Druckers Sicht ist auf die Wirtschaft und das Management des Wissens fokussiert. Ob das die abschliessende Perspektive sein kann, wurde von Diskutierenden bezweifelt. Die Bedeutung materieller Prozesse ist gerade im Zusammenhang mit der Umwelt überhaupt nicht verschwunden. Womit die Rund dann auch auf den Anteil von Wissensarbeit in einer Gabel Spaghetti zu sprechen kam.

Schliesslich bleibt eine wichtige Frage im Raum: Wenn sich die Wissensgesellschaft in den 50er, 60er und 70er Jahren herausgebildet hat, dann ist sie gar nicht an digitalen Informationstechnologien gebunden. Die Informationstechnologie wäre als Kind – nicht als Mutter – der Wissensgesellschaft zu betrachten.

Urs

1) Jochen Steinbicker. Zur Theorie der Informationsgesellschaft : ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. – Die Lesegruppe diskutiert am 21. April weiter – über Daniel Bell.

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